Die größten Mode-Designer: Christian Dior – Sein „New Look“ bestimmte die Nachkriegszeit

Dior
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Sein Name ist einer der bekanntesten und auch schillerndsten der Modewelt. Doch kaum einer weiß heute noch, warum Christian Dior zu den bedeutendsten Modeschöpfern aller Zeiten zählt. Schon mit seiner allerersten Kollektion, die begeisterte amerikanische Journalisten 1947 als "New Look" feierten, setzte er die entscheidenden Akzente für die gesamten 1950er Jahre.

Aufgrund seines Einflusses sprach man im Zusammenhang mit Dior schon bald von einem einzigartigen „Modediktat“, dem weltweit sowohl die Fashionindustrie als auch vor allem wohlhabende Kundinnen willig folgten. Nach Jahren voller Krieg und Krisen brachte Christian Dior teure Stoffe, Blumenmuster, Ultra-Weiblichkeit und Opulenz zurück. Seine Entwürfe ließen die düstere Nachkriegszeit vergessen und halfen Paris, wieder als lebensfrohe Stadt der Liebe zu erscheinen. Kurz bevor er 1957 mit gerade einmal 52 Jahren starb, erklärte er noch einen erst 21-jährigen Wunderjungen zu seinem Nachfolger: Yves Saint Laurent.

Sparmaßnahmen lassen die Modeindustrie kapitulieren

Um zu verstehen, was genau Christian Diors „New Look“ zu der Mode-Revolution gemacht hat, als die sie bis heute gefeiert wird, muss man ins Jahr 1941 zurückgehen. Zu diesem Zeitpunkt war der Zweite Weltkrieg schon zwei Jahre alt, aber erst jetzt – nach den japanischen Angriffen auf Pearl Harbor – schlossen sich die Vereinigten Staaten einer Allianz gegen den Totalitarismus in Asien und Europa an. Was sich für die Zivilbevölkerung in den USA nun änderte, waren Lebensmittel-Rationierungen, ökonomische Zwangsmaßnahmen und Einfuhrbeschränkungen. Das wirkte sich rasch und unmittelbar auch auf die Mode aus. Überall gaben Frauen ihre teuren Textilien ab, um das Militär zu versorgen. Seide und andere wertvolle Materialien gingen ebenso in die Armeeproduktion wie Reißverschlüsse, Knöpfe oder Rippen von Korsetts. Für die Damen selbst gab es nun vor allem einfache und praktische Kleidung. Und: Hosen.

Auch in Europa und dort vor allem in Großbritannien wurden diverse Sparmaßnahmen eingeführt. Kleidung durfte nun nicht mehr überflüssige Taschen, Metall- oder Lederknöpfe, Kordeln, Stickereien geschweige denn Materialien wie Spitze enthalten. Gleichzeitig hörte das Herz der internationalen Modewelt Paris auf zu schlagen. Durch den Krieg zur Isolation verurteilt, mussten Top-Ateliers wie das von Coco Chanel schließen. Die Zeiten waren trostlos und die schlichte und schmucklose Mode stellte ihr Spiegelbild dar.

Christian Dior restauriert eine Vorstellung von Weiblichkeit

Der Krieg endete 1945, aber erst am 12. Februar 1947 stellte der bereits 42-jährige Christian Dior für die von Armut, Not und Sparsamkeit heimgesuchten Frauen eine schöne, harmonische Vorstellung von Weiblichkeit wieder her. In seiner Autobiografie erinnert er sich an seine Impulse für die Schaffung des New Look: „Wir haben gerade eine graue und trostlose Ära zurückgelassen, die von Haushaltsbüchern, Lebensmittel-Bons und Kleidergutscheinen geprägt war. Es war nur natürlich, dass meine Kreationen die Form einer Erwiderung gegen diesen Mangel an Fantasie und Vorstellungskraft annehmen sollten.“ Vor einer begeisterten Menge, die sich im Dior-Modehaus in der Avenue Montaigne in Paris versammelt hatte, enthüllte Dior seine revolutionären Linien „En Huit“ und „Ligne Corolle“ „Blütenkelchlinie“. Letztere nannte Dior so, weil ihn die Silhouette an eine umgedrehte Blüte erinnerte. Typisch und bis heute charakteristisch für den „New Look“ waren nämlich schmale Schultern, enge Taille, Betonung der Hüften und der Brüste und ein weiter wadenlanger Rock. Den Begriff für die neue Mode kreierte übrigens die Chefredakteurin des New Yorker Magazins „Harpers Bazaar“, Carmel Snow, die nach der Show gegenüber Christian Dior sagte: „Your dresses have such a new look.“ (dt.: „Ihre Kleider haben solch einen neuen „Look“).

„Frauen sahen immer noch wie Amazonen aus“

Vom „Würgegriff“ des Korsetts hatten sich die Frauen bereits vor dem Krieg befreit. Und nun kam also Dior und schaffte es mit Perkal und Taft seinen makellosen Schnitt so zu versteifen, dass die Wespentaille zum neuen Maßstab für weibliche Perfektion erklärt wurde. Doch es waren nicht die Insekten, sondern eher Blumen, die den Franzosen lebenslang inspirierten. Sie umgaben ihn schon in seiner Kindheit, in Granville in der Normandie, und prägten später die meisten seiner Entwürfe. Nicht umsonst benannte er seine Kollektionen nach Blütenkelchen und vor allem nach seiner Lieblingsblume, dem Maiglöckchen „Ligne Mugulet“. In seiner Autobiographie erinnerte er sich: „Im Dezember 1946 sahen Frauen infolge des Krieges und der Uniformen immer noch wie Amazonen aus und zogen sich auch so an. Aber ich habe Kleider für blumenähnliche Frauen entworfen. Mit abgerundeten Schultern, vollen weiblichen Brüsten und maßgeschneiderten Taillen über riesigen, sich ausbreitenden Röcken.“

Paris wieder Nummer 1 – Kritik an Verschwendung

Zu sagen, dass der „neue Look“ 1947 für Aufsehen sorgte, wäre eine Untertreibung. Tatsächlich nahmen Frauen auf der ganzen Welt die Designs entweder begeistert an oder lehnten sie ähnlich leidenschaftlich aufgrund der „verschwenderischen“ Mengen an Stoff, die verwendet wurden, ab. Christian Diors kostspielige Entwürfe erreichten binnen weniger Monate den Massenmarkt und damit – unübersehbar für alle – die Straße. Auch deshalb wurde Paris dank Christian Dior wieder zur weltweiten Modehauptstadt, nachdem ihr New York in den Jahren des Krieges den Rang abgelaufen hatte. Doch gleichzeitig wurde auch kritisiert, dass ein durchschnittliches Dior-Kleid des „New Look“ aus zwanzig Metern Textil bestand. So hatte selbst der englische König George V. seinen Töchtern, den jungen Prinzessinnen Elisabeth und Margaret verboten, den „New Look“ zu tragen, da dies in Zeiten nach dem Krieg ein schlechtes Zeichen gegenüber dem Volk gewesen wäre. Trotzdem konnte sich das Haus Dior vor Aufträgen kaum retten. Ob Schauspielerinnen wie Rita Hayworth und Marlene Dietrich, Evita Peron, Kaiserin Soraya von Persien oder der Ballettstar Margot Fonteyn, sie alle trugen Dior und gaben Unsummen für ihre Kostüme aus. Nicht umsonst erschien Dior im April 1957 als erster Modeschöpfer auf dem Titelblatt des „Time“-Magazine und wurde in dem zugehörigen Artikel „eine Art König des Modezirkus“ genannt.

Sohn eines Großindustriellen

Christian Dior war 1905 als Sohn eines überaus wohlhabenden Düngemittelherstellers in der Küstenstadt Granville, in der Normandie, geboren worden. Als er fünf war, zog die Familie mit ihm und seinen vier Geschwistern nach Paris. Dort, so wünschte sich das der Clan, sollte der junge Christian zum Diplomaten heranreifen. Er tat Vater und Mutter den Gefallen und studierte erfolgreich Politikwissenschaften, obwohl er lieber Architekt geworden wäre. Noch spät sah der Vater ein, dass sein Sohn eher künstlerisches Potential hatte. Immerhin hatte der schon als Jugendlicher gekonnte Skizzen von Straßenszenerien angefertigt, um sie gleich dort wieder zu verkaufen. Also übernahm Christian Dior nach dem Studienabschluss eine kleine Kunstgalerie, die sein Vater für ihn gekauft hatte, und verkaufte dort zusammen mit einem Freund Werke von Künstlern wie Pablo Picasso. Nachdem 1929 die Weltwirtschaftskrise auch das Geschäft von Vater Dior ruiniert hatte, musste auch die Kunstgalerie von Christian schließen.

Und so begann Dior gegen Bezahlung zunächst Hutmode für die Modebeilage der Zeitung Le Figaro und schließlich Modeskizzen für Pariser Haute Couture Modehäuser zu entwerfen. 1938 entdeckte der Modedesigner Robert Piguet den talentierten Zeichner und Maler und ließ ihn sofort für sein Haus eigene Entwürfe anfertigen. Gleich mit seinem ersten Kleid stellte er die Weichen für seine weitere Zukunft. Denn das hatte 1939 die brasilianische Jetsetterin Aimée de Heeren gekauft und am 1. Juli 1939 auf dem von Coco Chanel organisierten Circus Ball in Versailles getragen. Auf dem letzten gesellschaftlichen Großereignis Frankreichs vor dem Zweiten Weltkrieg wurde de Heeren dem steinreichen Textilfabrikanten Marcel Boussac vorgestellt, welcher sich zuallererst über den Schöpfer des Kleides informierte. 1946 erinnerte er sich an ihn und trug ihm auf, die künstlerische Leitung eines neu zu gründenden Modehauses zu übernehmen, welches von Boussac großzügig finanziert werden sollte.

Miss Dior – Hommage an die Schwester im KZ

Mit Dior hatte Boussac auf das richtige Pferd gesetzt, denn der 41-jährige erwies sich als Workalholic, mit einem ganzen Arsenal voller unerledigter Ideen. Neben dem „New Look“ entwarf Christian Dior noch im selben Jahr 1947 sein erstes Parfüm, welches er als Hommage an seine Schwester „Miss Dior“ nannte. Catherine Dior hatte sich während der Besatzung von Paris der Resistance angeschlossen und war von der Gestapo ins Konzentrationslager nach Ravensbrück verschleppt worden, wo sie überlebte und 1945 befreit worden war. Schon ein Jahr später folgte Dior-Duft Nummer 2, dem der Meister den Namen „Diorama“ gab. 1948 eröffnete Dior ein Konfektionswarenhaus, wo er echte Dior-Mode für weitaus günstigere Preise anbot. 1949 war Dior außerdem der erste Couturier, der die lizenzierte Produktion seiner Entwürfe arrangierte. Nachdem Dior die Bedeutung eines vollständigen Stils vom Hut über Pelze, Schmuck und Handtasche bis zu den Schuhsohlen erkannt hatte, lizenzierte er zusammen mit seinem Geschäftspartner Jacques Rouët seinen Namen für eine Reihe von Luxusaccessoires. Alle möglichen Modeartikel wurden nun ebenfalls weltweit in regionalen Zentren hergestellt und verbreiteten seinen Markennamen schnell auf der ganzen Welt. Obwohl dieser Schritt von der französischen Mode-Kammer – die den Schritt als Verbilligung der Haute Couture-Industrie anprangerte – heftig kritisiert wurde, entwickelte sich die Lizenzierung für Dior zu einem profitablen Schritt. Nach ihm folgten fast alle Modehäuser seinem Vorbild und schufen so meist die Grundlage für den sagenhaften Reichtum ihrer Besitzer.

Ein Model trug immer einen Strauß mit Maiglöckchen

Dior war neben seinem untrüglichen Stil- und Geschäftssinn auch ein exzentrischer und vor allem abergläubiger Charakter. Eine Eigenschaft, die mit dem Alter stark zunahm. So begann er nie eine Modeshow, ohne vorher einen Tarotkartenleser befragt zu haben. Jede Kollektion enthielt zumindest einem Mantel, der nach seiner Heimatstadt Granville benannt war. Und es gab immer wenigstens ein Modell, welches einen Strauß seiner Lieblingsblume, dem Maiglöckchen trug. So muss Christian Dior, immerhin noch nicht älter als 52 im Jahre 1957 auch geahnt haben, dass er nicht mehr lange leben wird. Denn nur wenige Wochen vor seinem überraschenden Tod bestellte er eine gewisse Lucienne Mathieu-Saint Laurent zu sich ein und teilte ihr mit, dass er ihren Sohn, seinen erst 21 Jahre alten Assistenten Yves Saint Laurent zu seinem Nachfolger ausgewählt habe. Nur wenige Wochen später starb der große Modeschöpfer. Mehrere Herzinfarkte hatten den leidenschaftlichen Esser in der italienischen Kurstadt Montecatini Terme niedergestreckt. An der Beerdigung in der Saint-Honoré-d’Eylau-Kirche in Paris nahmen 2.500 Menschen teil, darunter Jean Cocteau und Wallis Simpson, die Herzogin von Windsor. Doch mehr gefreut hätte Christian Dior wohl die Verabschiedung vor den Türen. Dort warteten weitere 5.000 Franzosen und hatten den Platz in ein Meer aus Blumen getaucht.