Der Kimono: zeitloses Kleidungsstück und fester Bestandteil japanischer Kultur

verschiedene Kimonos
© istock/supawat bursuk
Als die amerikanische Unternehmerin, Social Media-Ikone und Influencerin Kim Kardashian-West vor ein paar Monaten eine Mode-Linie ausgerechnet „Kimono“ nannte, da brach ein regelrechter Shitstorm über sie herein. Von allen Seiten wurde ihr so intensiv mangelnde kulturelle Sensibilität attestiert, dass sie den Namen schnell wieder zurückzog.

Warum so eine eher unbedeutende Namensgebung zu so einer großen Sache aufgeblasen wurde? Ganz einfach: Der Kimono stellt in Japan so etwas wie einen nationalen Schatz dar. Er gilt ähnlich wie vielleicht die Lederhose in Bayern oder der Cowboy-Hut in den USA als mit Abstand typischstes Kleidungsstück dieser jahrhundertealten Kultur.
Wir von SUNNY haben hier alles Wissenswerte über den Kimono zusammengetragen, erklären woher er kommt, wie er hergestellt wird und welche unterschiedlichen Bedeutungen Farben und Muster für seine Träger haben.

Der Kimono in seiner heutigen Form wurde in Japan schon vor vielen Jahrhunderten getragen. Allerdings ist er auch heute noch in vielfältiger Form im japanischen Stadtbild zu sehen: In Kyoto sind sie die Arbeitskleidung von Maikos und Geishas, junge Brautpaare lassen sich gerne in Kimonos fotografieren und auch Sumo-Ringer tragen gerne diese japanischsten aller japanischen Kleidungsstücke. Selbst in den großen Mode-Kaufhäusern des modernen Tokio kann man nach wie vor aktuelle Modelle der Saison bestaunen. Für Touristen gehört das Ankleiden eines eigenen Kimonos nach wie vor zu den Highlights einer Japan-Reise. Und auch bei uns, bei SUNNY, findest du diese bodenlangen Roben in vereinfachter Form als leichten, exotisch gestalteten Morgen- bzw. Hausmantel im Sortiment.

Doch woher kommt der Kimono und welche Bedeutung hat er innerhalb der japanischen Kultur? Hat er schon früher Mode-Designer zu neuen Entwürfen inspiriert und was bedeuten eigentlich die zahllosen verschiedenen Materialien und Muster?

Die Samurai machen den Kimono zu einem Status-Symbol

 

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Wie viele andere japanische Begriffe besteht auch Kimono eigentlich aus zwei Begriffen, nämlich in diesem Fall aus Kiru-, „Anziehen“, und -mono „dem Ding“. Und so können natürlich alle möglichen Kleidungsstücke diesen Namen tragen. Fakt ist allerdings, dass der Kimono, so wie wir ihn heute mit Japan in Verbindung bringen, erstmals um das Jahr 1.000 von Aristokraten und in dieser Zeit zunächst als unterste der zahlreichen Kleidungsschichten getragen wurde. Mit der Zeit entwickelte sich diese „Unterwäsche“ zum modernen Kimono. In der Edo-Periode, im 17. Jahrhundert, waren es dann vor allem die Mitglieder der Kriegerkaste, der Samurai, die sich als erste um üppig dekorierte Kimonos bemühten und sie zu wahren Status-Symbolen ausstaffierten. Die Regierungsphase zwischen 1603 und 1887 galt als außergewöhnlich friedlich und so konnten Samurai nicht mit Kriegserfolgen, sondern mussten vor allem durch ihren Auftritt in der Öffentlichkeit punkten. Auch die populärsten Geishas und Kabuki-Schauspieler dieser Periode machten den Kimono zum angesagten Mode-Statement. Selbst das Verbot des fünften Shoguns, Tokugawa 1683, zu teure und zu auffällige Kimonos zu tragen, konnte den Siegeszug unter den Japanern nicht aufhalten. Kimonos wurden trotzdem getragen, auch wenn die Muster nur aus nächster Nähe in ihrer Kunstfertigkeit zu erkennen waren. In der Meji-Ära (1868 – 1912) fiel der Kimono dann aufs Neue in Ungnade. Die Regierung wollte nach 250 Jahren kompletter Isolation eine Verwestlichung auch in der Kleidung und versuchte den Japanern alles Traditionelle auszutreiben. Erst in den 1960er Jahren erfolgte eine schrittweise Rückbesinnung auf die traditionelle japanische Kultur, wobei auch der Kimono zurück ins Zentrum des nationalen Bewusstseins der Japaner rückte.

Ein Kimono besteht aus einem einzelnen Stoffballen

Kimonos für Männer und Frauen unterscheiden sich vor allem in der Zahl ihrer unterschiedlichen rechteckigen Streifen. Jeder Kimono wird aus einem einzelnen Stoffballen geschnitten. Das heißt, dass bei Männern meist nicht mehr als fünf, bei Frauen allerdings oft über zwölf verschieden Bahnen aus dem gewählten Ballen geschnitten werden, die dann kunstvoll zusammengenäht und um den Körper drapiert und gewickelt werden. Überschüssige Längen werden beim Kimono eher gesäumt als geschnitten. Ein Kimono besteht aus dem leichten Unterteil und einem etwas robusteren und schwereren Oberteil. Zusammengehalten wird das Ganze von einem breiten Gürtel, namens Obi, der vor allem bei den Frauen auf dem Rücken zu einem beeindruckenden Knoten zusammengebunden wird. Beim Falten des Kimono ist übrigens darauf zu achten, dass die linke Hälfte über die rechte Hälfte gezogen wird. Umgedreht wird es nur bei Leichen gemacht und gilt bei den abergläubigen Japanern als unverzeihlicher Fauxpas. Allerdings gibt es für den Kimono auch heute noch professionelle Anlegegehilfen, die man vor allem für besondere Anlässe zur Unterstützung anstellen kann. Dieser Beruf kann nur mit einer bestimmten Lizenz ausgeübt werden und ist daher sehr verlässlich. In der Öffentlichkeit wird der Kimono vor allem von Geishas und Maikos, aber auch von einer kleineren Anzahl älterer Frauen und Männer getragen. Verpflichtet einen Kimono zu tragen, sind hingegen professionelle Sumo-Ringer, wann immer sie nicht im Ring stehen.

Verschiedene Träger – verschiedene Kimonos

 

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Es gibt verschiedene Kimonos, die dem Alter und Geschlecht der Person entsprechen, die sie trägt. Zum Beispiel tragen Männer Kimonos mit einer Jacke und einer weitbeinigen Hose namens Hakama. Männliche Kimono-Designs sind in der Regel auch in gedämpften Farben und Mustern gehalten. Frauen tragen unterschiedliche Kimonos, je nachdem, in welcher Lebensphase sie sich befinden. Beispielsweise tragen junge, alleinstehende Frauen bei feierlichen Anlässen wie der Coming of Age-Zeremonie häufig „Furisode“ – Kimonos mit langen, fließenden Ärmeln und lebendigen Designs. Verheiratete Frauen hingegen bevorzugen aus formellen Gründen häufig „Tomesode“ – Kimonos mit kurzen Ärmeln, subtileren Mustern und dem Familienwappen. Alle Frauen, unabhängig von ihrem Alter, können sich auch in einen leichten Besuchskimono, den sogenannten „Houmongi“, kleiden, wenn sie Besuche machen oder an Partys teilnehmen.

Kimonos für Hochzeiten

Der traditionelle Hochzeits-Kimono ist der „Shiromuku“, der üblicherweise aus weißem Seiden-Brokat gefertigt ist und auf dem sich eingewebte, glückverheißende Motive wie zum Beispiel Kraniche oder Pinien wiederfinden. Dieser Kimono ist bedeutend länger als andere Modelle und hat eine wattierte Saumschleppe. Dieser Kimono kann in der Herstellung sehr teuer werden und wird daher häufig von den Müttern an die Töchter vererbt. Zum „Shiromuku“ trägt die Braut eine weiße Brauthaube, die auch Tsunokakushi oder Watabōshi genannt wird. Es gibt allerdings auch farbige
Hochzeitskimonos, die „Uchikake“ genannt werden. Das Seiden-Brokat kann hier jede Farbe annehmen, ist aber in den häufigsten Fällen rot.

 

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Beim „Uchikake“ hängen die Ärmelschleppen bis zu den Fußknöcheln und sind mit silber- oder goldfarbenen Verzierungen versehen. Dieser farbige Hochzeits-Kimono ist 30 bis 40 Zentimeter länger als andere Modelle, weshalb der untere Saum über den Boden geschleift wird. Ein echter „Uchikake“ kann von der Braut nur mit Unterstützung angezogen und getragen werden. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein trugen die Frauen von Adligen und Samurais einen „Uchikake“.

Es gibt Kimonos für jede Jahreszeit

Kimonos sind in einer Vielzahl von Stoffen erhältlich – ultra-weiche Seide, bescheidener Hanf, vielseitige Baumwolle und maschinenwaschbare Polyestermischungen. Die berühmten Kimonos aus reiner Seide sind normalerweise für hochformale Anlässe wie Teezeremonien, Hochzeiten und Beerdigungen reserviert. Andererseits tragen Männer und Frauen in den wärmeren Monaten luftigere Yukata- oder Baumwoll-Kimonos, insbesondere für Matsuris oder Sommerfestivals. Aufgrund der geringeren Produktionskosten sind Yukata aus Baumwolle in der Regel günstiger als Kimonos aus Seide, was sie zu einem perfekten Souvenir für Touristen macht. Wer jedoch unbedingt einen Kimono aus reiner Seide kaufen möchten, bekommt sie in fast jeder größeren japanischen Stadt, insbesondere in Kyoto.

 

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Bis zu 20.000 Euro teuer

Die aus einem einzigen Stoffballen herausgeschnittenen Kimonos haben fixe Maße, da für dessen Herstellung tatsächlich der komplette Ballen benutzt wird. Deshalb ist es auch schwierig, weiter und größer geschnittene Exemplare zu finden, da deren Produktion deutlich teurer ist als normal. Überhaupt ist ein aus einem hochwertigen Seidenstoff, mit aufwendiger Dekoration handgenähter Kimono ein äußerst teures Vergnügen. Gerade luxuriöse Stücke für Frauen können leicht bis zu 10.000 Euro kosten. Ein einzelner Gürtel, ein Obi, kann allein schon einige tausend Euro wert sein. Allerdings können versierte Schneider ihren Kimono nach leicht erhältlichen Mustern auch selber anfertigen und sich dabei auch für kostengünstigere Stoff-Varianten entscheiden. Letztlich gibt es vor allem in Japan einen florierenden Handel mit gebrauchten Kimonos. Und auch stark beanspruchte oder beschädigte Kimonos werden nie vergeudet, sondern zu anderen Exemplaren umgearbeitet oder zu Decken, Handtaschen oder anderen Utensilien gemacht.

Kimonos sind in Japan bis heute das perfekte Familienerbstück

Wenn sie richtig gepflegt werden, können Kimonos über Generationen hinweg eine sehr lange Lebensdauer haben. Kimonos sind oft mit Kamon, dem entsprechenden Familienwappen verziert, was sie zum perfekten Geschenk für den Übergang von Mutter zu Tochter oder Vater zu Sohn macht. Selbst der älteste Kimono kann von Kimono-Spezialisten wiederbelebt werden, um ein Stück Familiengeschichte am Leben zu erhalten. Diese Spezialisten werden das Kleidungsstück absteppen, waschen, dehnen, wieder zusammennähen und die Farben wiederherstellen, damit es wieder wie neu aussieht.

Motive auf Kimonos erzählen eigene Geschichten

Ob Sie es glauben oder nicht, Kimonos sind Kunstwerke, die sich mit den Jahreszeiten ändern. In den kälteren Monaten sind Kimonos oft gefüttert und bestehen aus schwereren Stoffen. Sie können Motive wie die Pflaumen- und Kirschblüten des Spätwinters und des Frühlings oder die Ahornblätter des Herbstes zeigen. In den wärmeren Monaten werden Kimonos aus leichteren Stoffen wie Seidengaze, Leinen und Baumwolle getragen. Diese Kimonos können sommerliche Bambusblätter, Libellen und saisonale Blumen enthalten. Die auf den Kimonos sichtbaren Motive haben sich in den vergangenen Jahrhunderten zum Teil stark verändert. Lange waren vor allem Blumen und Landschaften beliebt, doch im frühen 20. Jahrhundert entwarfen die Künstler zunehmend abstrakte und geometrische Muster. In den 1930er Jahren, als der Nationalismus und Militarismus in Japan erwachte, waren auf Kimonos sogar Panzer, Männer in Uniformen und Kriegsschiffe zu sehen. Den Kimono als reines Kleidungsstück zu sehen, ist dabei fast unmöglich. Von legendären Kriegsschlachten, über Märchen und Legenden bis zu tragischen Liebesgeschichten ist auf ihnen alles dokumentiert, was Japaner in den vergangenen Jahrhunderten bewegte.

 

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Mit einem Kimono lassen sich faszinierende Accessoires tragen

Traditionell werden Kimonos mit verschiedenen Accessoires getragen, die ihre Eleganz ergänzen und erhöhen. Berühmt sind die Holzschuhe, Geta, oder die typischen Sandalen, Zori, welche die Tabi, die Strümpfe mit den geteilten Zehen, zur Geltung bringen. Das Highlight eines jeden Kimono-Outfits ist jedoch der Obi. Er kann so einfach oder so aufwändig sein wie der Kimono selbst. Das Design des Musubi, des Knotens auf dem Rücken, kann anzeigen, ob eine Frau alleinstehend und bereit ist zu heiraten, oder es bereits ist und damit für eine Brautwerbung tabu. Verheiratete Frauen tragen einfache Knoten, junge alleinstehende Frauen tragen oft komplizierte und aufwändig gewickelte Knoten. Besonders attraktiv und kostbar sind die Obi und Knoten bei den Maiko, den Auszubildenden für den Beruf der Geisha.

Der Kimono inspiriert seit dem 19. Jahrhundert auch westliche Designer

Seit sich Japan im 19. Jahrhundert für die westlichen Kulturen geöffnet hat, haben sich nicht nur Literaten, Opern-Regisseure und Maler, sondern auch die Mode-Designer stark für die japanische Kultur interessiert. Möglicherweise hat vor allem die unendliche und unvergleichliche Vielfalt und Kostbarkeit der Kimono-Stoffe die europäischen Designer immer wieder dazu inspiriert, aus dekonstruierten Kimonos neue Moden zu kreieren. Textildesigns im japanischen Stil tauchen eigentlich auch im gesamten 20. Jahrhundert in zeitgenössischen Kreationen auf. In einem Kleid aus der 1995iger Frühjahr-Sommer Kollektion von Yohji Yamamoto kontrastiert beispielsweise das sportliche schwarze Jersey des Oberteils mit einem üppigen rot-goldenen Brokat-Rock, der an die Obi-Schärpe eines Kimonos erinnert. Auch Tom Ford (2003) oder Issey Miyake (2011) haben Kimono-Varianten in ihre Kollektionen aufgenommen. Neben den unverwechselbaren Motiven sind es darüber hinaus auch Form und Konstruktion des Kimonos, die ihn zu einem einzigartigen Mode-Klassiker werden lassen, an dem sich Mode-Designer in Ost und West immer wieder gern abarbeiten. Gerade die „Flachheit“ der einzelnen Bahnen, aus denen ein Kimono gefertigt ist, schaffen einzigartige Illusionen zwischen zwei und drei Dimensionen. Ebenso werden die langen Stoffbahnen des Kimonos mit opulenten Stick- und Färbetechniken ausgenutzt, die zum Beispiel in den Händen von Iris van Herpen die Grenzen der Materialität von Textilien erweitern.

Der Kimono ist zeitlos und bleibt fester Bestandteil der japanischen Kultur

Egal, wer versucht, dieses Artefakt zu nutzen – Kimonos sind und bleiben ein fester Bestandteil der japanischen Kultur. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht auch in der ganzen Welt ihre Fans und Liebhaber gefunden hätten. Kimonos haben deshalb auch andere Länder erobert, weil sie so unglaublich vielseitig sind. Sie können luftig leicht, minimalistisch und zurückhaltend sein. Oder auch schwer, kostbar und spektakulär in jeder Hinsicht.